Projekt  366: Januar 2016

Jeden Tag eine gute Tat – das ist schwierig. Aber wie wäre es mit einem guten Foto an jedem Tag dieses Schaltjahres 2016? Auch nicht einfach, aber ich werde es versuchen. Die Regeln: Ich bin frei, was Motiv, Farbe und Format angeht, auch darf ich entscheiden, ob ich das Handy nehme oder die Spiegelreflex, ob ich das Bild bearbeite oder nicht, ob ich in Berlin, Hintertupfingen oder sonstwo auf der Welt fotografiere. Gebunden bin ich dagegen ans Datum: Ich muss jeden Tag ein Bild machen und hochladen, es darf keine Archivaufnahme sein, und ich darf auch nichts auf Vorrat fotografieren, um es später hier einzustellen. Kann jemand nachprüfen, ob ich mich daran halte? Leider nein. Ich empfehle, Vertrauen zu haben.

Da ist natürlich noch die Sache mit der Uhrzeit. Es ist mir leider unmöglich, jeden Morgen um zehn oder jeden Nachmittag um 16 Uhr ein neues Bild zu veröffentlichen, dazu verläuft mein Leben zu unregelmäßig (manchmal auch in anderen Zeitzonen). Meine Prognose ist, dass die meisten Bilder erst am Abend soweit sein werden. Wer hier nicht mehrfach am Tag nachschauen will, dem rate ich, nach dem Betrachten des ersten Bildes 48 Stunden zu warten und danach alle 24 Stunden wiederzukommen. Dann sollte für ihn/sie immer ein neues Foto zu sehen sein. 

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31.1.2016 – The Race is on

Ich habe in den letzten Tagen so viel vom 24-Stunden-Rennen in Daytona erzählt, dann muss jetzt endlich auch mal ein entsprechendes Actionfoto her. Dieses Bild ist nicht unbedingt das originellste Motiv aus Daytona, weil viele Fotografen eine nächtliche Rennszene  vor dem Riesenrad versuchen. Aber ich würde mal ganz unbescheiden sagen, dass mein Foto hier in Sachen Qualität, Bildaufbau und Sportfaktor kaum einen Vergleich scheuen muss. Gerne nehme ich per Mail natürlich Hinweise auf noch heißere Nachtszenen entgegen. Und jetzt kommen noch zwei Anmerkungen für alle, die zu diesem Foto etwas mehr wissen wollen.

1.) Wer sich fragt, was er da sieht: Die Startnummer 23 ist hoffentlich leicht zu erkennen – Porsche 911, in diesem Fall die nagelneue Motorsportvariante GT3 R, mit der einige Teams in der GTD-Klasse antraten (steht für GT Daytona, nicht etwa "Großer Turbodiesel" oder so). Das Auto mit der Nummer 23 liegt hier noch auf Platz sechs seiner Kategorie, am Ende kam Rang neun heraus. Im Moment der Aufnahme befinden sich beide Autos in der Anbremszone der Horseshoe-Kurve (Hufeisenkurve, 180-Grad-Kehre), und der Porsche wird gerade innen überholt vom Siebtplatzierten der besonders leistungsstarken Prototypenklasse, einem Ford EcoBoost Riley DP – das ist mehr etwas für Experten. Insgesamt sind hier 54 Autos in vier Leistungsstufen am Start gewesen, was die Sache ziemlich kurzweilig gemacht hat. War ich 24 Stunden wach? Nein. Aber ich bin um vier Uhr aufgestanden, um dieses Foto zu machen.

2.) Wer sich fragt, wie man so ein Foto macht: Es erfordert Glück, Geschick und Geduld. Ich habe etwa zwei Stunden an verschiedenen Punkten der Horseshoekurve zugebracht und zwei Speicherkarten à 32 Gigabyte mit Raw-Daten gefüllt, insgesamt waren das 2767 Fotos. Meine Ausbeute an brauchbaren Bildern waren 238 Stück, richtig gut wie dieses sind vielleicht 20. Die hohe Ausschussrate liegt vor allem daran, dass sich die Autos a) sehr schnell und b) nicht gleichmäßig bewegen: Schließlich bremsen sie hier die Kurve an, und am anderen Ende des Hufeisens beschleunigen sie wieder heraus. Da ist die Mitziehbewegung der Kamera während des Auslösens sehr viel schwieriger mit der Geschwindigkeit der Autos in Einklang zu bringen, als wenn sie mit gleichbleibendem Tempo fahren. Hinzu kommt, dass die Wagen hier in eine Rechtskurve einschwenken, während ich die Kamera von rechts nach links bewege und dabei notwendigerweise eine Linkskurve beschreibe. Kamera und Auto driften also auseinander, und weil ich wegen der Dunkelheit mit weit offener Blende fotografiere, gibt es auch nicht viel Tiefenschärfe, die mir hier helfen würde. Gut ist, dass meine Kamera zehn Bilder pro Sekunde macht, da hat man größere Chancen auf einen Treffer, muss aber am Ende auch mehr Material durchsehen. Glücksache ist, an welcher Position im Bild die Schärfe genau sitzt – ich habe mehrere Bilder, auf denen die Autos top aussehen, aber nicht so schön mit dem Riesenrad zusammenspielen wie hier. Dafür ist dann halt Geduld nötig. Die fotografische Technik beim Mitziehen geht ansonsten so: Belichtungszeit eher lang als kurz wählen, ich nehme in der Regel den Kehrwert der Geschwindigkeit. Wenn ich also jemanden für ein Foto schön gleichmäßig fahren lasse, bitte ich ihn, konstant 50 km/h zu halten und fotografiere dann mit 1/50 Sekunde. Hier in Daytona habe ich das Tempo nur schätzen können und teils mit 1/160 und 1/125 gearbeitet. Wichtig ist jedenfalls, dass die Autos scharf werden, der Hintergrund aber verwischt zu sehen ist, und dass die Räder nicht stillstehen (sie hätten sich hier noch ein bisschen mehr drehen können, aber es geht gerade so, denke ich). Manche Fotografen haben neben mir gestanden und geblitzt. Sie waren dann schnell fertig, weil sie auf diese Weise tatsächlich ein scharfes Auto und einen verwischten Hintergrund bekommen haben – leider friert aber der Blitz, der nur für 1/1000 Sekunde zündet, nicht nur die Autos ein, sondern auch die Felgen. Und so gibt es ein optisches Missverhältnis aus bewegtem Hintergrund und scheinbar stehendem Auto. Nicht gut.

 

30.1.2016 – ... and the Home of the Brave

Keine Sportveranstaltung in den USA ohne die Nationalhymne. Die Amerikaner stehen dann auch wirklich alle stramm, und viele legen auch die Hand aufs Herz, so wie dieser Security-Mann hier beim 24-Stunden-Rennen von Daytona. Wie schön, dass er diese patriotische Geste vor den in den US-Nationalfarben lackierten Ford-GT-Rennwagen machte (natürlich unaufgefordert, dies ist kein gestelltes Foto).

Die Autos fahren inzwischen (seit 20.40 Uhr deutscher Zeit, Livestream hier), und ich habe auch gleich wieder zu tun mit Kamera und Notizblock. Deshalb aus fotografischer Sicht hier nur ein Satz: Es lebe das Weitwinkel-Objektiv!

 

29.1.2016 – Beinahe weltberühmt

Wer mehr über diesen Mann erfahren will, wird sich noch bis zum Montag, dem 1. Februar gedulden müssen: Dann erscheint ein von mir geschriebenes Porträt über ihn im Motorkanal der "Welt" – er ist nächste Woche der "Petrolhead der Woche". An dieser Stelle gibt es darum nur ein paar fotografische Anmerkungen. 

Ganz wichtig: Zu meinen normalen Impulsen beim Fotografieren von Leuten mit Basecaps gehört die Bitte, die Kappe doch vielleicht mal abzusetzen – denn der Schatten, den der Mützenschirm auf die Augen wirft, ist nicht so vorteilhaft. Dieses Mal habe ich mir meine Bitte verkniffen, schließlich stand CJ Wilson für mich Modell, einer der berühmtesten amerikanischen Baseball-Profis (Pitcher der Los Angeles Angels of Anaheim, bei uns kennt so jemanden natürlich keiner). Einem Baseballspieler soll man die Basecap nicht wegnehmen, die gehört zu seiner Persönlichkeit, also habe ich zugesehen, wie ich Licht ins Gesicht bekomme. Die Sonne scheint von links und strahlt am frühen Morgen (8.36 Uhr in Daytona/Florida) schon sehr intensiv. So intensiv, dass die weiße Hauswand jenseits des rechten Bildrandes genug reflektiert, um die Schatten in Wilsons Gesicht aufzuhellen – und ein bisschen habe ich dann noch mit dem Radialfilter nachgeholfen, also die Augenpartie separat um eine viertel Blendenstufe aufgehellt.

Wer das Bild genau ansieht, stellt fest, dass es im Verhältnis 4:3 geschnitten ist, es würde also bildschirmfüllend auf einen alten Röhrenfernseher passen. Genau deswegen benutze ich 4:3 eigentlich nie (zu altmodisch), sondern nehme entweder das Originalformat 3:2, das Quadrat 1:1 oder das modernere Bildschirmformat 16:9. Hier war 4:3 aber nötig, um ein paar Details zu eliminieren, die sonst vom Rennstallbesitzer und seiner Garage abgelenkt hätten. Mir ist wichtig, dass meine Bilder schnell verstanden werden – was nichts zur Bedeutung beiträgt, muss möglichst verschwinden. Oder besser noch: Es wird gar nicht erst fotografiert.

  

28.1.2016 – Comeback

Ich weiß es genau: Nicht jeder liebt den Motorsport. Wer diesem Wettkampf aber doch etwas abgewinnen kann (so wie ich), der wird dieses Bild hier nicht nur schön finden (so wie ich), sondern auch bedeutend. Es zeigt nämlich den neuen Ford GT bei seinem ersten Renneinsatz. Zu sehen ist ein Boxenstopp während des freien Trainings zu den 24 Stunden von Daytona, die am Sonnabend, dem 30.1., um 20.10 20.40 Uhr deutscher Zeit gestartet werden (Livestream: hier). Das Auto im Hintergrund ist ebenfalls interessant, denn bei BMW hat der M6 als Rennwagen den Z4 abgelöst, und auch mit diesem neuen Auto verbinden sich große Hoffnungen des Herstellers. Sehr beeindruckend ist übrigens die Tribüne, die wegen der unregelmäßigen Verteilung der vielfarbigen Sitze immer so aussieht, als wären viele Leute da. Was beim 24-Stunden-Rennen aber nicht so ist, hier spielt sich das Leben vorwiegend im Infield ab, also innerhalb des großen Asphalt-Ovals. Wer noch etwas mehr vom Daytona-Rennen wissen möchte, dem empfehle ich meinen Bericht vom Januar 2015 im PS-Blog der "Welt".

Und wer wissen möchte, warum das Fotografieren im schlechten Wetter nicht schlimm ist, der sehe sich vielleicht noch einmal dieses Foto vom Ford GT hier an: Ich liebe es, nach dem Shooting bei mattem Licht Kontrast, Klarheit und Dynamik nach oben zu ziehen, das gibt den Bildern einen schönen Look. Der ein weiteres Argument dafür ist, ausschließlich im Raw-Format zu fotografieren – bei der Bearbeitung sieht, nein: spürt man, was der Sensor für Reserven hat.

 

27.1.2016 – First Class

Erster Klasse fliege ich nie, aber heute hat mich ein Kollege, der den besten Meilenstatus bei der Lufthansa hat, mitgenommen in die First Class Lounge am Frankfurter Flughafen. Sieht von außen ein bisschen nach Hochsicherheitstrakt aus, ist aber von innen sehr schön. Leider habe ich gar keine Zeit, das hier alles zu genießen: Musste mich um das Foto kümmern, und gleich beginnt auch das Boarding für meinen Flug nach Orlando. Das 24-Stunden-Rennen von Daytona steht an. Demnächst also auf diesem Kanal: Rennwagen in Action, eine echte Herausforderung für Mann (Fotograf) und Maschine (Kamera).

 

26.1.2016 – Immerhin: Gin

Man glaubt es nicht, aber diese kleinen Schrumpler sind gerade schwer angesagt: Wacholderbeeren. Ich war heute für 20 Minuten in der Bombay Sapphire Destillery in England, hier kommt dem Vernehmen nach ziemlich guter Gin her, und Gin trinken ja momentan alle außer mir. Mehr als diese Nahaufnahme habe ich heute für mein Projekt leider nicht zu bieten, da es den ganzen Tag regnete und/oder sehr dunkel war. Darum konnte ich nicht wie geplant Fotos von schönen Autos (Jaguar, Range Rover) in schöner Gegend machen. Aber immerhin: Gin.

 

25.1.2016 – Schräg Britain

Richtig, es ist erst fünf Tage her, dass ich hier Fliesen gezeigt habe, aber heute muss es aus zwei Gründen schon wieder sein. Erstens: Das Zeitfenster für die Motivsuche beschränkte sich auf die 30 Minuten, die ich zwischen der Ankunft in meinem Hotel in Chipping Campden/England und der Pressekonferenz am Abend hatte. Zweitens: Die Engländer bauen manchmal noch schlechter als die Amerikaner, und das lässt sich anhand dieser gefliesten Nische am Fußende der Badewanne gut belegen. Ich habe wirklich lange überlegt, an welcher Fuge ich dieses Bild ausrichten soll, aber es ist eigentlich egal – immer ist irgendetwas schief. Das kommt halt vom Linksfahren, oder?

Sehr lustig wäre es, wenn ich hier Making-of-Bilder veröffentlichen  könnte, denn um dieses Foto zu machen, musste ich mich in die Badewanne setzen. Ein Mann ohne  Wasser in der Wanne (ich war wenigstens angezogen), das sieht sicher ein bisschen seltsam aus. Aber wenn man erst einmal sein Motiv gefunden hat, dann darf einem auch nichts zu peinlich sein, um es zu fotografieren. Selbst wenn Leute gucken – das ist nicht wichtig, das Foto zählt.

 

24.1.2016 – Die große Liebe?

Um es gleich vorweg zu sagen: Die beiden jungen Menschen hier sehen zwar aus, als wären sie füreinander geschaffen, aber in Wirklichkeit  tun sie nur so. Cosima und Christian sind Fotomodelle und haben sich heute zum ersten Mal in ihrem Leben gesehen. Das Bild ist entstanden während eines Hochzeitsfoto-Workshops bei Markus Brügge in Lüneburg. Das war teuer, aber gut, und wir haben nicht nur Brautpaarshooting bei schlechtem Wetter geübt, sondern auch einiges über das interessante Geschäft der Hochzeitsfotografie erfahren. Mich hat dieser Tag darin bestärkt, noch in diesem Jahr mein Angebot um Hochzeitsfotos (genauer: Hochzeitsreportagen) zu erweitern, und dazu wird es demnächst auf meiner Homepage auch genauere Informationen geben.

Wer hier regelmäßig nach einem neuen Foto Ausschau hält, hat nicht nur meine tiefste Zuneigung, sondern er/sie wird auch bemerkt haben, dass ich es nicht geschafft habe, dieses Bild wirklich noch am 24. Januar hochzuladen. Der Workshop dauerte knapp drei Stunden länger als geplant, und zurück nach Brandenburg musste ich ja auch noch. Aber immerhin ist das Bild am 24.1. gemacht worden, ich hoffe, das wird gerade so akzeptiert.

 

23.1.2016 – Parellelen

Schwierigkeiten beim Erkennen? Das soll ja bei Fotos nicht unbedingt sein, andererseits ist es auch die Aufgabe der Fotografie, neue Blickwinkel auf Bekanntes zu finden. Wir sehen hier die verschneiten Stufen unserer Terrasse, aber noch wichtiger als das Motiv war mir der Bildausschnitt mit den verschiedenen Parallelen im Bild. Am auffälligsten ist das sicher bei der schrägen Geländerstrebe im Vordergrund, die im selben Winkel aufsteigt wie das Geländer im Hintergrund (sonst hätten ja auch die Handwerker versagt, die die Terrasse gebaut haben), was durch die Schneeschicht auf dem hinteren Geländer gut verdeutlicht wird. (Hätte ich den abgebröckelten Schnee am unteren Ende des hinteren Geländers mit Photoshop ersetzen sollen? Vielleicht.) Hinzu kommen die Stützpfeiler links vorn und links hinten, die natürlich auch beide in derselben Weise senkrecht stehen, und dann verlaufen die einzelnen Treppenstufen hoffentlich auch parallel zueinander, was man allerdings wegen der Schneemütze nicht so gut sehen kann.

Weil es hier im Wesentlichen um Linien und Strukturen geht, fand ich eine Umwandlung in schwarzweiß angemessen. Natürlich habe ich die Kontraste stark erhöht, doch habe ich auch darauf geachtet, dass vorn im Holz noch Maserung erkennbar ist. Ob das jeder andere auch sehen kann, hängt sicher von den verwendeten Monitoren ab. Ich für meinen Teil vertraue hier auf ein kalibriertes Gerät, so dass ich sicher bin, auch bei Ausdrucken und Abzügen noch Holzstrukturen zu erkennen statt nur einer schwarzen Fläche.

Vielleicht noch ein Wort für die Lichtstärken-Fetischisten: Dieses Bild ist mit einem Objektiv der Lichtstärke 1.4 aufgenommen, doch habe ich abgeblendet auf 5.6, damit man wenigstens die Chance hat, den Hintergrund zu identifizieren. Mit anderen Worten: So ein Bild kann man auch mit dem billigsten Kit-Objektiv machen, extreme Unschärfe in der Bildtiefe ist gar nicht immer erstrebenswert.

 

22.1.2016 – Here comes the Sun

Heute habe ich mal Beruf und Projekt verbinden können – das Bild zeigt einen Citroen DS5, über den ich demnächst in der "Welt am Sonntag" einen Testbericht veröffentlichen werde. Die zugehörigen Fotos sind dann in der Regel auch immer von mir, anders wäre es ja auch schade um die Gelegenheit. Das Foto ist natürlich ein einziger Regelbruch, insofern weiß ich jetzt noch nicht, ob Art Direktorin und Chefredakteur es akzeptieren werden; vielleicht produziere ich in den nächsten Tagen noch einmal etwas weniger Riskantes. 

Wo der Verstoß liegt, sieht man gleich, nämlich rechts oben. Also von da leuchtet die Sonne kräftig direkt ins Objektiv, legt eine kleine Corona um das Auto und wirft einen riesigen Schatten auf den Boden vor dem Wagen. Das soll eigentlich alles nicht sein, und wenn man das schon so macht, dann muss man mit einer kleinen Blitz-Armee dagegen anleuchten. Bei so intensivem Sonnenlicht helfen aber auch meine drei Aufsteckblitze nicht mehr, und die Investition in mobile Studiolampen scheue ich bisher – zusammen mit dem Akku können zwei solche Lampen gern 2000 Euro kosten, und so oft brauche ich sie dann doch nicht.

Und wozu gibt es schließlich die Bildbearbeitung am Computer? Ich habe zuerst die mir zugewandte Seite des Autos so weit aufgehellt, dass man Linienführung und Reflektionszonen der Karosserie wieder erkennen kann. Dann habe ich per Weißabgleich einen wärmeren Farbton im Bild erzeugt, um einen guten Kontrast zur Erwartung des Betrachters zu schaffen, der hier im Schnee vielleicht eher mit kühl-blauer Atmosphäre gerechnet hätte. Zusätzlich habe ich die Frontpartie mit einer Extraportion Schärfe und Kontrast betont, um den Blick auf das Wichtigste am Auto zu lenken, nämlich sein Gesicht.

Ja, ein Auto hat ein Gesicht, deswegen fotografiere ich Autos wie Menschen, also auf Augenhöhe. Aber im Gegensatz zum Menschenporträt, bei dem es manchmal auch genügt, die Blende ganz zu öffnen und den Hintergrund in Unschärfe versinken zu lassen, braucht ein Auto immer eine Inszenierung drumherum. Weil es so groß ist, muss man weiter weg vom Motiv, und schon nimmt die Tiefenschärfe zu. Der Betrachter erkennt, wie es um das Auto herum aussieht, also muss ich mich als Fotograf auch darum kümmern.

 

21.1.2016 – Essenszeit

Mahlzeit, liebe Meise. Vor unserem Haus wächst ein Kirschbaum, und in dessen Geäst hängt meine Frau im Winter immer die schönsten Leckereien. Die Nicht-Zugvögel der Umgebung kommen jedenfalls gern und lassen sich, wenn man einfach nur dasteht und sich nicht groß bewegt, auch fotografieren. Allerdings komme ich in Sachen Tele-Objektiv hier deutlich an meine Grenzen. Erfahrene Vogel-Fotografen wissen: Unter 400 Millimeter geht eigentlich gar nichts, 600 Millimeter sind willkommen.

Ich habe dieses Bild mit 200 Millimeter Brennweite gemacht, und weil ich das Objektiv an eine Kamera mit APS-C-Sensor gesteckt habe, dessen Bilddiagonale um den Faktor 1,6 kürzer ist als bei meiner Vollformatkamera, sieht der Bildausschnitt so aus, als hätte ich ein Objektiv mit 320 Millimeter Brennweite verwendet. Das ist gut, so kommt der Vogel größer aufs Bild. Aber wenn man bedenkt, dass ich nur sechs, sieben Meter entfernt stand, ist da noch viel Luft für ein richtiges Teleobjektiv in meiner Kameratasche.

Viele sprechen übrigens im Zusammenhang mit kleineren Kamerasensoren von dem Vorteil der Brennweitenverlängerung, das ist jedoch nicht ganz richtig. Die Brennweite ist nicht von der Kamera abhängig, sondern vom Objektiv. Insofern bleibt sie immer gleich, denn das Objektiv weiß ja nicht, mit welchem Sensor es zusammenarbeiten wird. Daher verändern sich auch die optischen Phänomene, die direkt mit der Brennweite zu tun haben (Zusammenrücken von Vorder- und Hintergrund, Verzerrung), nicht, wenn man das Objektiv von einer Kamera an die andere steckt. Auch die Tiefenschärfe eines 200-Millimeter-Objektivs ändert sich nicht am kleineren oder größeren Sensor. Man glaubt das immer nur, weil Tiefenschärfe eben nicht nur von der Brennweite, sondern auch von der Sensorgröße abhängt (je kleiner er ist, desto tiefenschärfer das Bild). Will sagen: Mit einem echten 320-Millimeter-Objektiv am Vollformatsensor wäre der Ausschnitt dieses Bildes identisch gewesen, doch die Bildwirkung intensiver: Vorder- und Hintergrund wären dichter zusammengerückt, und der Vogel hätte sich noch besser vom unscharfen Hintergrund abgehoben.

 

20.1.2016 – Knapp daneben

Heute nehme ich die Besucher dieser Seite mit in unser Badezimmer – in dem mir durch verstärktes Nachdenken über Motive ein ungefähr zehn Jahre alter Bau- bzw. Planungsfehler wieder aufgefallen ist. Damals hat mich das sehr geärgert, heute habe ich mich daran gewöhnt. 

Wir sehen hier die großen blauen Fliesen, die das untere Drittel der Wand bedecken, und darüber eine bunt gemusterte Fliesenborte – sie trennt die blauen von den weißen Fliesen auf dem oberen Teil der Wand. Da alle Fliesen vom selben (teuren!) Hersteller kamen, war ich davon ausgegangen, dass sie in den Abmessungen so zusammen passen, dass man die Wandgestaltung auch im Detail stimmig hinbekommt. Weit gefehlt. Die Fugen zwischen den großen Fliesen treffen an keiner Stelle im ganzen Zimmer auf irgendeine Fuge zwischen den kleinen Fliesen. Wofür der Fliesenleger nichts konnte, weil die kleinen Fliesen vom Hersteller in festen Abständen auf größere Matten aufgebracht worden waren. Das ist so üblich bei kleinen Kacheln, sonst nimmt das Verlegen ja kein Ende.

Aber wenn ich hier schon schmutzige Wäsche wasche: Den Fliesenleger konnte ich im letzten Moment davon abhalten, die krummen Ränder der großen Fliesen mit der Fliesenschere zu begradigen. Für ihn waren unsere teuren Naturkacheln zweite bis dritte Wahl, auch den ungleichmäßigen Farbauftrag konnte er nicht verstehen.

Es ist halt wie bei Fotos: Jeder findet etwas anderes schön.

 

19.1.2016 – Still ruht der See

Hm, dieses Bild gucke ich mir gerade noch schön. Aber so sehr ich es auch versuche, ich muss heute, am 19. Tag des auf 366 Tage angelegten Projektes, zum ersten Mal einräumen, dass ich nicht 100-prozentig zufrieden bin mit dem Foto, das ich hier einstelle. Es ist wohl so, dass kein Mensch jeden Tag Spitzenleistungen bringen kann, aber trotzdem empfinde ich das als Niederlage, dieses Bild veröffentlichen zu müssen (ja, ich muss, siehe Spielregeln ganz oben auf der Seite). Ein besseres Foto ist schlicht nicht da, ich habe heute morgen aufs falsche Pferd gesetzt beim Fotografieren, und jetzt ist keine Zeit mehr, das zu ändern.

Alle anderen Bilder bisher fand ich gut (sogar das Not-Foto vom 3.1. 4.1. ein bisschen), und ich weiß auch, dass Bilder wie das heutige ihr Publikum haben. Aber es ärgert mich etwa, dass ich nur auf den vorderen der drei Pfähle scharfgestellt habe – wegen der doch recht strengen Ausrichtung der Szene hätte dieses Motiv auch mit mehr Tiefenschärfe leben können, finde ich. Auf meinen Merkzettel kommen also heute zwei Anweisungen. Erstens: Im Zweifel immer zwei, drei Alternativbelichtungen machen. Zweitens: Mehr zweifeln.

 

18.1.2016 – Heute keine Kinder

Ich gebe zu, dieses Bild ist schon wieder schräg, und im Sinne der Abwechslung wäre es gut gewesen, heute ein gerades Motiv zu haben. Aber erstens sieht dieses Foto schräg besser aus (ich erkläre gleich, warum), und zweitens ist die Sache mit der Abwechslung eine zusätzliche Herausforderung in diesem Projekt, die ich wahrscheinlich nicht an allen 366 Tagen bewältigen kann. Ich versuche schon, thematische Verschiedenheit zu bieten, also nicht drei Tage hintereinander ein Makro aus meinem Haus oder immer nur Landschaft, Landschaft, Landschaft zu präsentieren. Auch bekomme ich es bisher ganz gut hin, auffällige Bildformate mit genügend Abstand voneinander zu veröffentlichen. Aber heute hat sich halt mal eine Wiederholung der Bildsprache eingestellt, damit müssen wir jetzt leben.

Schräg steht diese Spielplatzszene, um den Regelbruch im Bildaufbau noch deutlicher hervorzuheben. Eigentlich soll man das Hauptmotiv in das Foto hineinsehen lassen, diese Schaukelente (heißt das so?) aber guckt definitiv nach rechts zum Bild heraus. So kann man verfahren, wenn man geheimnisvoll sein will (gut, hier auf einem Kinderspielplatz kommt das eher nicht infrage), oder wenn sich im Hintergrund eine Struktur ergibt, die interessant ist. Genau das behaupte ich für dieses Bild, denn die Brücke auf der linken Bildseite (die wieder schön von links unten nach rechts oben ansteigt) gefällt mir nicht nur, sondern sie bildet in ihrer dezenten Farbe und ruhigen Struktur auch einen guten Gegensatz zur quietschbunten, fast schon lebendigen Ente.

Einen ähnlichen Bildaufbau wähle ich auch ab und zu bei meinen Autofotos, Beispiele dafür sind hier, hier und hier zu sehen.

Vielleicht noch ein Wort zum Making Of: Ich bin ja ein Augenhöhen-Fetischist, darum musste ich hier eine Jeans ruinieren und mich ein paar Minuten in den Schnee setzen. Und wenn man beim Weitwinkel schön nah heran geht ans Motiv, dann erhält man auch mit kurzer Brennweite so etwas wie eine Tiefen-Unschärfe bei Blende 4 – mehr gibt meine Linse leider nicht her. Am wichtigsten für dieses Foto ist jedoch der Einsatz eines Blitzes. Die Sonne kommt hier zwar noch nicht direkt von vorn, sondern schräg von links. Aber diese Position der Hauptlichtquelle genügt schon, um die Vorderseite der Ente deutlich dunkler erscheinen zu lassen als den Hintergrund. Um das auszugleichen und ein lebendiges Foto zu bekommen, kommt der Aufsteckblitz ins Spiel – wegen der geringen Entfernung zur Ente muss man die Blitzleistung herunter regeln. Um wie viel? Ausprobieren.

 

17.1.2016 – Schiefe Ebene

Ich kenne ja jemanden, der dieses Foto schon deshalb nicht mag, weil es schräg ist. (Liebe Schwiegermutter, manchmal muss ich das einfach so machen.) Und dieses Mal, das gebe ich zu, habe ich gar nicht die Kamera schräg gehalten, sondern das Bild in der Berabeitung gekippt. Das freundliche Spaziergänger-Paar (vielen Dank noch einmal) bekommt zusätzlich zu diesem Motiv auch zwei gerade Fotos von mir zugeschickt, so dass sie selbst entscheiden können, was ihnen am besten gefällt. Ich mag die Schräglage hier wegen des Brückengeländers, das auf diese Weise von links unten nach rechts oben zieht – eine Linie, die Menschen gewöhnlich gern sehen. 

 

16.1.2016 – Unpolitisch

Ein einzelnes Windrad wirkt oft sympathisch, so alternativ und sauber. Viele Windräder in einem ganzen Windpark dagegen werden mancherorts auch als Bedrohung wahrgenommen. Dann steht nicht der abgasfrei erzeugte Strom im Vordergrund, sondern es geht um Lärmbelästigung, Gesundheitsgefahren durch nicht hörbaren Infraschall, Abholzung von Waldflächen für die Windmasten und ganz allgemein um die "Verspargelung" der Landschaft. Dieses Foto soll nichts zur Debatte beitragen, es zeigt nur das Windkraftwerk, wie es ist. Jeder Betrachter möge selbst entscheiden, ob er es als Aufbruchssignal empfindet oder als Endzeitsymbol.

Das matte Licht rührt vom Zeitpunkt der Aufnahme her: Es ist heute halt der 16. Januar, außerdem war es bewölkt, und ich habe die Stunde vor Sonnenuntergang für meinen Spaziergang gewählt. Da kann man strahlende Farben nicht erwarten, aber ich finde, diese Licht- und Farbgebung unterstützt auch die beabsichtigte Nicht-Aussage des Bildes. Hier ist das Windrad weder als Unglücksbote inszeniert noch als Menschheitsretter. Darum habe ich auch eine ganz strenge Gestaltung gewählt – ein Rotorblatt zeigt exakt nach oben, der Mast steht genau in der Bildmitte, und die Nabe liegt auf der oberen Drittellinie, während der Horizont die untere Drittellinie bildet. Neutraler konnte ich als Fotograf nicht sein, trotzdem hat das Bild für mich eine Wirkung – keine politische, sondern eine ästhetische.

 

15.1.2016 – Anders sein

Es gehört schon etwas Mut dazu, in Brandenburg ein Baum und keine Kiefer zu sein. 72 Prozent der 808 Millionen (!) brandenburgischen Bäume sind Kiefern, auf Platz zwei liegen die Eichen mit sechs Prozent, und die hier abgebildete Birke wird nur noch gesammelt ausgewiesen, nämlich unter den Laubbäumen mit niedriger Lebensdauer (insgesamt acht Prozent Anteil). Für ein Foto ist so eine Sonderstellung natürlich schön, denn ohne die Birke wäre das hier ein recht eintöniger Schuss in den Wald gewesen – und mit mehr Birken hätte sich einfach nur ein Durcheinander ergeben. So aber wird die Birke zum Motiv, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, sehr wahrscheinlich aber zum letzten Mal, denn die Schräglage wird sie nicht mehr lange durchhalten.

Seine Wirkung erzielt das Foto durch den Einsatz einer langen Brennweite (200 Millimeter), die Vorder- und Hintergrund zusammenrückt, außerdem lässt sie wegen des engen Bildausschnitts dem Betrachter wenig Möglichkeiten zum Abschweifen. Natürlich tut die Bildbearbeitung wieder das Ihre: Ich habe hier den Kontrast erhöht (stark) und auch die Sättigung angehoben (schwach). Zusätzlich wurden die Lichter betont (deutlich), der Weißabgleich geht ein kleines Stück in Richtung blau/kühl, und ich habe alle Bildteile außer der Birke etwas abgedunkelt. Zu viel Realismus schadet nur.

 

14.1.2016 – Wool and the Gang

Auch ein Besuch im Einkaufszentrum bringt manchmal das Foto des Tages. Diese coolen Jungs vom Pulloverstand fielen mir auf, weil sie erstens im Halbkreis arrangiert waren, und weil zweitens eine natürliche Vignette auf dieser Szene lag. Nur ein einziger Strahler musste die Textilqualität beleuchten, und da weiß man schon beim Abdrücken, was daraus in der Bearbeitung noch werden kann. Hier habe ich die Tiefen absichtlich absaufen lassen und den Weiß-Wert erhöht, um die mittleren Puppen noch stärker zum Leuchten zu bringen. Dazu Kontrast rauf, Sättigung runter, Weißabgleich Richtung kühl – und natürlich noch eine eigene kleine Vignette, aber nur in den Bildecken.

Übrigens gäbe ich etwas drum, wenn hinter dem zweiten Kopf von links nicht noch ein anderer, leider nicht ganz verdeckter Kopf zum Vorschein käme, das ist mir beim Fotografieren nicht aufgefallen. Wahrscheinlich könnte man das Problem mit Photoshop lösen, allein: Ich kann es nicht.

 

13.1.2016 – Gesundes Essen

Meine Frau und ich essen ganz gern mal Chips und Käse am Abend – jedenfalls, wenn ich fürs Abendbrot zuständig bin, denn kochen kann ich nicht. Unser vornehmes Dinner heute hat mich zu einem weiteren Makrofoto inspiriert. Dazu war es nötig, dass ich ein paar Chips übrig ließ, was ja angesichts der darin eingebackenen Suchtstoffe schwierig ist. Ebenso anspruchsvoll gestaltet sich in der Regel die Suche nach einem halbwegs ästhetisch geformten Exemplar, das auch noch unbeschädigt sein muss. Jetzt, da ich den Text schreibe, überlege ich, ob ich die kleinen abstehenden Chips-Splitter an der linken Kante hätte wegretuschieren sollen – aber zu spät. Und inzwischen ist das Ding aufgegessen.

Wen es nicht interessiert, wie genau man so ein Bild macht, der muss hier nicht weiterlesen. Für alle anderen kommt nun die ultimative Chipsfoto-Anleitung:

1.) Einen Bastelbogen aus dem Papiergeschäft als Hintergrund einsetzen und ihn dabei zur Hohlkehle machen. Dazu befestigt man ihn mit Klemmen an der Tischkante und stellt etwas weiter hinten zwei gefüllte Wasserflaschen auf den Tisch. So krümmt sich der Bastelbogen hinten nach oben, und vorn kann er nicht wegrutschen. Nach dem Shooting hat die Pappe übrigens Fettflecken – warum isst man überhaupt Chips?

2.) Chip positionieren, Kamera aufs Stativ, Bildaufbau einrichten.

3.) Makro bedeutet: kaum Tiefenschärfe, da sehr geringer Abstand von der Kamera zum Motiv.  Wenn das wie hier schräg steht, ist starkes Abblenden ratsam – und selbst mit der hier verwendeten Blende 16 bekommt man nicht die gesamte Vorderkante scharf. Zur Schärfewahl Autofokus abschalten, das Bild auf dem Kameramonitor anzeigen lassen (Live-View-Modus) und in zehnfacher Vergrößerung manuell scharfstellen. Mit etwas Übung arbeitet der Mensch besser als der Autofokus, dessen Sensorpunkte zudem nicht immer genau auf die richtige Stelle des Motivs zielen.

4a.) Belichtung messen im AV-Modus (Blendenvorwahl). Wenn man ohne Blitz fotografiert, wird es eine lange Belichtungszeit, dann unbedingt im Live-View bleiben (da ist bei der Spiegelreflex der Spiegel schon vor der Aufnahme hochgeklappt, was Erschütterungen reduziert) und mit Selbstauslöser, wahlweise Draht- oder Funkauslöser fotografieren. Nicht bewegen, man kann auch die Luft anhalten – einfach alles tun, damit die Kamera wirklich ganz ruhig auf dem Stativ steht.

4b) Wenn man einen Blitz einsetzt (wie ich hier), dann gibt es mehr Möglichkeiten zur Gestaltung von Licht und Schatten, man macht sich auch von der Zimmerbeleuchtung unabhängig. Die Kamera in den manuellen Modus schalten, eine sichere Belichtungszeit (z.B. 1/100 s.) wählen und mit Stärke und Entfernung des Blitzes so lange experimentieren, bis das Bild gut aussieht. Richtig, man muss dazu den Blitz von der Kamera nehmen und braucht also auch noch zwei Funkauslöser. Der Aufwand lohnt sich aber, sonst wäre hier der Schatten des Kartoffelchips nicht so dekorativ geraten.

5.) Feintuning. Ich habe links und rechts neben den Chip kleine Styroporblöcke gestellt. Der linke bringt das Blitzlicht zurück auf die linke Seite des Kartoffelchips, womit sich eine gleichmäßige Ausleuchtung ergibt. Der rechte steht meinem Blitz nur ein bisschen im Weg, daher ist die obere rechte Ecke des Bildes so schön abgedunkelt. Und dann habe ich den Blitz nicht direkt auf den Chip gerichtet, sondern gegen einen dritten Styroporblock direkt über dem Blitz. Das macht das Licht und vor allem den Chip-Schatten weicher und natürlicher.

Muss das jetzt jeder so machen? Nein. Es gibt zig Möglichkeiten – bitte ausprobieren.

 

12.1.2016 – Windows 30

Als ich vorgestern durch Detroit streifte, hat dieses Bild hier bei der Auswahl knapp gegen Muhammad Ali verloren, also habe ich die Fassade heute noch einmal fotografiert – schließlich muss ich mich an meine eigene Spielregel halten, kein Archivmaterial zu verwenden. Das Foto lebt von dem Kontrast aus dem Gleichmaß der Architektur und der Individualität der Fenster. In der Bearbeitung habe ich im Wesentlichen den Kontrast erhöht und die Sättigung reduziert, um eine kühlere Grundstimmung zu schaffen. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist bei Bildern dieser Art das exakte Ausrichten: Man muss bei der Aufnahme die Kamera parallel zum Haus halten, zumindest in der Horizontalen, was selten zu 100 Prozent gelingt. Auf jeden Fall schafft man es nicht in der Vertikalen, wenn man nicht nur das Erdgeschoss fotografiert. Ich habe hier also die Kamera schräg nach oben gehalten, um diese fünf Etagen aufzunehmen, und dabei sind natürlich stürzende Linien entstanden, die diese Bildkomposition eigentlich stören. Die automatische Ausrichtungsfunktion des Programms Lightroom hat diesen Effekt jedoch ziemlich gut kompensiert, so dass ich mich traue, das Bild zu zeigen. 

Eigentlich müsste man ein so exaktes Architekturfoto mit einem Tilt-Shift-Objektiv machen, das schon bei der Aufnahme die stürzenden Linien vermeidet. Aber erstens habe ich die nötigen ca. 2000 Euro momentan nicht, und zweitens ist dieses Foto hier mit 200 Millimeter Brennweite entstanden – so ein langes TS-Objektiv gibt es meines Wissens überhaupt nicht.

 

11.1.2016 – Im Kreise seiner Lieben

Sechs Stunden Zeitverschiebung sind kein Spaß, wenn man auch noch arbeiten muss – aber ich komme wieder kurz vor Mitternacht deutscher Zeit ins Ziel, heute mit Daimler-Chef Dieter Zetsche, der auf diesem Foto seine Neuheitenpräsentation bei der Automesse in Detroit beendet. Von unten nach oben sehen wir die neue E-Klasse, zwei Mal den neuen SLC und zwei extrem teure Versionen des S-Klasse-Cabrios: AMG S63 Edition 130 (es gibt nur 130 Stück – eins für jedes Jahr, das die Automarke Mercedes existiert) und AMG S65 mit Zwölfzylindermotor. 

Mir gefällt das Foto, weil es gewissermaßen den Chef im Kreise seiner Lieben zeigt, und weil ich mich immer noch freue über die gute Schussposition, die ich hatte. Der Nachteil: Um mir diesen Platz zu sichern, musste ich 30 Minuten vor Beginn der Pressekonferenz dort sein, und dann hat es noch einmal 30 Minuten gedauert, bis sich dieses Gruppenbild ergab. Aber wer zur Ungeduld neigt, hat es auch schwer als Fotograf.

 

10.1.2016 – Ali

Oh, das ist knapp heute: Um 23.30 Uhr habe ich das Bild hochgeladen und fange nun an, den kurzen Text dazu zu schreiben – es sollte also noch vor Mitternacht klappen. Was wir hier sehen, ist ein bisschen das Schmücken mit fremden Federn, ich gebe es zu. Das unglaublich intensive Porträt von Muhammad Ali, das auf dem Plakat zu sehen ist, ist natürlich nicht mein Werk, sondern das von Thomas Hoepker, einem bekannten Fotografen der Agentur Magnum. Ich bin aber ganz optimistisch, dass ich durch das Einbetten seines Werkes in diese Straßenszene über ein bloßes Plagiat hinaus gegangen bin.

Interessant an dem Plakat ist außerdem, wofür es wirbt: Für eine auf 400 Exemplare limitierte Armbahnduhr mit dem Namen Muhammad Ali Center, Hersteller ist die Firma Shinola. Und die steht seit einigen Jahren für das neue Detroit, also für einen kleinen Versuch, der darbenden, von den Schwierigkeiten der US-Autoindustrie geprägten Stadt etwas wirtschaftliches Wachstum zu verleihen. Wobei der Preis der Uhr, 2250 Dollar, nicht ganz zum Erscheinungsbild Detroits passt. Wo das Plakat hängt, Ecke Washington Blvd/West Lafayette Blvd, sieht es noch ganz gut aus, aber schon zwei Ecken weiter habe ich verlassene Häuser mit toten Fenstern gesehen.

Trotzdem steigt hier ab morgen wieder die North American International Auto Show, weshalb ich auch für zwei Übernachtungen angereist bin. Morgen zeige ich dann vielleicht ein glitzerndes Auto, mal sehen. Was sagt die Uhr (nicht nur die von Ali)? 23.49 - perfekt.

 

9.1.2016 – Depressivum

Gestern Abend war ich bei der Vernissage einer Fotoausstellung, und die Bilder dort waren allesamt von erlesener Trostlosigkeit. Mir hat das nicht wirklich gefallen, weil viele Motive leere Winter-Äste im Vordergrund zeigten, weil die Hauptmotive Tankstellen und 60er-Jahre-Mietshäuser in Wuppertal waren, und weil ich ohne eine Erklärung der Künstlerin nicht darauf kam, was eigentlich gezeigt und ausgedrückt werden sollte. Trotzdem hat mich der Ausstellungsbesuch irgendwie inspiriert, denn heute bin ich bei uns am See herumgelaufen und habe ebenfalls versucht, menschenleere und auch sonst unbewegte Motive zu finden. Wie man sieht, kann ich es aber nicht lassen, der Trostlosigkeit wenigstens noch ein Ordnungsprinzip an die Seite zu stellen, in diesem Fall die Symmetrie.

Und hier kommt jetzt auch zum ersten Mal in diesem Projekt eine Schwarzweiß-Bearbeitung zum Einsatz. Ich setze die Umwandlung in Schwarzweiß sehr, sehr sparsam ein, für mich ist dieser Bildstil angesichts der farbigen Welt, die uns umgibt, ein Special Effect. Und besondere Effekte darf man nicht inflationär bemühen. Dieses Bild aber hatte ich schon mit einer Schwarzweiß-Absicht fotografiert, die Inhaltsleere und die Symmetrie vertragen die Betonung der Tiefen und das kräftige Anziehen der Kontraste ganz gut.

 

8.1.2016 – Zur Sonne

Grafische Elemente, Muster, Strukturen – so etwas zieht einen Fotografen ja magisch an. Ich lief heute durch den Duty-Free-Shop im Frankfurter Flughafen (jeder muss auf dem Weg von der Gepäckkontrolle zum Flugsteig hindurchgehen, weil sie da so geschäftstüchtig sind), und im Augenwinkel sah ich die Sonnenbrillenkollektion. Okay, fünf Minuten bis zum Boarding, das ging noch. Die Verkäuferin hat zwar ein bisschen komisch geguckt, aber als sie bemerkt hat, dass ich nicht von der Konkurrenz war, um die Preise abzufotografieren, hat sie mich nicht behelligt. Es tat ja niemandem weh, und obwohl es mich sehr gereizt hat, die teuren Gucci-Brillen noch ein bisschen exakter auszurichten, habe ich auch das sein lassen, dafür war es zu knapp vor dem Flug. Aber ein Lob ans Verkaufspersonal, dass sie die grünen und blauen Tönungen so schön abwechselnd ins Regal gestellt haben.

In der Bildbearbeitung habe ich ein bisschen mehr Gas gegeben als üblich, um die Tönung der Gläser stärker herauszuarbeiten. Vor allem Sättigung, Dynamik, Helligkeit und Kontrast wurden hochgedreht. Ich weiß, dass viele Fotografen mit Bildbearbeitung ihre Probleme haben, also nicht technisch, sondern emotional, aber ich möchte, dass meine Bilder ins Auge fallen. Und bei Sonnenbrillen habe ich jetzt auch keine Skrupel – bei Personen  versuche ich natürlich, der Realität etwas mehr gerecht zu werden. Letztlich aber geht es mir beim Fotografieren ums Bildermachen insgesamt, und dazu gehört, dass ich dem Foto am Ende noch eine Richtung gebe. Dabei orientiere ich mich vor allem daran, dass das Bild schnell erkannt und gleichzeitig vielleicht eine Sekunde länger betrachtet wird. Das ist jedenfalls der Plan.

 

7.1.2016 – Fake 2

Projekt 366 – Fake 2Projekt 366 – Fake 2Stefan Anker, Fotograf in Königs Wusterhausen bei Berlin, zeigt Bild 7 seines "Projekt 366": Jeden Tag im Jahr 2016 produziert er ein anspruchsvolles Foto und lädt es auf seine Website hoch. Heute:

"O sole mio" war es nicht gerade, aber die Gondoliere singen tatsächlich italienische Weisen, wenn sie mit ihren Gästen mitten durchs Hotel "Venetian" fahren (mit Elektroantrieb übrigens, die Stangen sind nur zum Steuern). Ich befinde mich also immer noch in Las Vegas, aber morgen bin ich wieder zu Hause, dann gibt's hier vielleicht wieder Bodenständiges aus Brandenburg zu sehen. Am dritten Las-Vegas-Abend wollte ich unbedingt Innenaufnahmen von einem Casino machen, vorzugsweise Slot Machines oder Leute beim Roulettespielen. Aber als ich mich gerade mit den einarmigen Banditen warmgeschossen hatte, kam die Security und erklärte mir in dieser verhandlungsresistenten amerikanischen Höflichkeit, dass meine Aktivitäten nicht geschätzt würden. Also erinnerte ich mich an den künstlichen Canal Grande und erwischte gerade noch eine besetzte Gondel, ehe die Fahrer Feierabend machten.

Dieses Foto könnte man in die Kategorie Street Photography einordnen, weil ich die Leute einfach so in ihrem Tun abgeschossen und für die Veröffentlichung weder vorher noch hinterher um Erlaubnis gebeten habe. Dazu sagen die einen, das sei okay, da es Kunst sei und zudem eine Dokumentation unseres Alltags für spätere Generationen. Die anderen nehmen den Standpunkt der Abgebildeten ein und ärgern sich über die Missachtung des Rechtes an deren eigenem Bild. Ich bin kein großer Street-Fotograf, aber ich denke, dass man die Sache in diesem Fall hier nicht allzu hoch hängen sollte: Der Gondoliere wird täglich zigfach fotografiert, das gehört gewissermaßen zum Job. Die Frau mit dem Handy ist nicht erkennbar, und wenn das Gondel fahrende Paar das Bild hier sieht, dann würde ich sagen: Sie werden nicht meckern, weil sie es mögen – und sie bekommen natürlich jederzeit die hochaufgelöste Datei von mir zugeschickt. Einen schönen Ausdruck lege ich auch noch drauf. 

Und falls sich jemand wundert, warum dieses Foto nicht so knackig ist, wie ich es sonst gern habe: Das künstliche Venedig zeigt sich zumindest gegen Abend in einer Art Dämmerlicht. Hinter den künstlichen Hausfassaden sind Leuchten angebracht, die auf die himmelblau gestrichene und mit hingetupften Wolken versehene Decke strahlen – hier gibt es also gedämpftes indirektes Licht, das die ganze Szenerie ziemlich kontrastarm und auch recht dunkel macht.

To the couple in the boat: I hope you don't mind that I took your picture and published it on my website. "Projekt 366" is a private, non-commercial photo-work: I committed myself to upload a nice picture every day in 2016. If you sent me an e-mail, I'd be glad to provide you with the hi-res jpg-file. And of course you get a fine-art print for free as well.

 

6.1.2016 – Fake 1

Projekt 366 – Fake 1Projekt 366 – Fake 1Stefan Anker, Fotograf in Königs Wusterhausen bei Berlin, zeigt Bild 6 seines "Projekt 366": Jeden Tag im Jahr 2016 produziert er ein anspruchsvolles Foto und lädt es auf seine Website hoch. Heute:

Tag zwei in Las Vegas, und heute habe ich mich für eine klassische Stadtansicht entschieden. Es ist der Blick von der Kreuzung Tropicana Avenue/South Las Vegas Boulevard Richtung Norden. Das Foto ist kurz vor Mitternacht entstanden, also gegen neun Uhr deutscher Zeit, und es zeigt den ganzen Glanz oder das ganze Elend dieser Stadt, je nach Betrachtungsweise. Die linke Bildhälfte nimmt das Hotel "New York New York" ein, mit Freiheitsstatue, Wolkenkratzern und Achterbahn, und wer ganz genau hinsieht, entdeckt ein Stück die Straße hinauf auch noch eine Mini-Ausgabe der Brooklyn Bridge (unter den Leuchtreklamen mit dem "Shake Shack"-Schild). Rechts im Hintergrund das "Planet Hollywood" sowie das "Paris Las Vegas" mit der "Eiffel Tower Experience".

Fotografisch ist so ein Bild ein Fall für hohe ISO-Zahlen, wobei ich mich da trotz großem Sensor immer an der unteren möglichen Grenze bewege, um einfach so wenig Rauschen wie möglich im Bild zu haben. Hier war es ISO 800, und weil mein Weitwinkelobjektiv keine größere Blende als 4 zustande bringt, musste ich mit 1/20 Sekunde belichten, aber man macht halt ein paar Aufnahmen mehr, und dann ist schon eins dabei, was nicht verwackelt ist. In der Nachbearbeitung kann man mit Las Vegas umgehen wie mit einem Rockkonzert: Mit Dynamik und Kontrast braucht man hier nicht zimperlich zu sein, zusätzlich habe ich den Nachthimmel extra abgedunkelt, um ein schönes Schwarz zu bekommen.

 

5.1.2016 – Zockpalast

Projekt 366 – ZockpalastProjekt 366 – ZockpalastStefan Anker, Fotograf in Königs Wusterhausen bei Berlin, zeigt Bild 5 seines "Projekt 366": Jeden Tag im Jahr 2016 produziert er ein anspruchsvolles Foto und lädt es auf seine Website hoch. Heute: "Zockpalast"

Okay, jetzt ist es klar, wo ich letztendlich hingeflogen bin, oder? Oder bin ich vielleicht zu voreingenommen, weil ich schon seit vier Jahren immer im Januar für ein paar Tage nach Las Vegas reise, um dort von der CES (Consumer Electronics Show) zu berichten. Und weil sich in dieser Stadt nicht allzu viel ändert: Immer dieselben Hotels mit immer denselben Casinos und Leuchtreklamen, nur die Musikshows wechseln. Wobei: Britney Spears spielt immer noch regelmäßig im "Planet Hollywood", das war 2015 auch schon so. Nein, ich war nicht da, denn erstens bin ich zum Arbeiten hier, zweitens mag ich die Spears nicht besonders, und drittens kostet das hier alles nicht wenig.

Auf dem Foto ist das (in meinen Augen) berühmteste Hotel zu sehen, das "Caesars Palace", und ich bilde mir ein, dass man den Schriftzug noch entziffern kann, das war jedenfalls meine Absicht. Schriftzüge, vor allem bekannte Schriftzüge lassen sich gut nutzen, um anhand eines Ausschnitts oder gar Detailfotos vom großen Ganzen zu erzählen. Dasselbe ohne Schriftzug zu versuchen, nämlich mit bildhafterer Symbolik, ist natürlich auch aller Ehren wert. Aber es besteht dann immer das Risiko, dass nicht alle Betrachter sofort verstehen, was gemeint ist. Chiffren und Symbole sind letztlich schwieriger zu deuten, deshalb finde ich, dass man als Fotograf in einer Bildserie zumindest eine Schriftzugaufnahme mit anbieten sollte.

 

4.1.2016 – Abflug

Projekt 366 – AbflugProjekt 366 – AbflugStefan Anker, Fotograf in Königs Wusterhausen bei Berlin, zeigt Bild 4 seines "Projekt 366": Jeden Tag im Jahr 2016 produziert er ein anspruchsvolles Foto und lädt es auf seine Website hoch. Heute: "Abflug"

Ich hatte es ja angedeutet: Manchmal muss auch das iPhone zum Fotografieren herhalten. Das Bild hier ist sehr schnell entstanden, zwischen einer verspäteten Landung in Frankfurt und einem Weiterflug, zu dem ich in den nächsten ca. 15 Minuten an Bord gehen muss. Heute also keine tiefschürfenden Foto-Gedanken. Vielleicht nach der Landung in Ruhe? Ja, vielleicht – aber wer weiß, ob es klappt? Zumal mein endgültiges Ziel (das hier gar nicht aufgeführt ist) so weit weg liegt, dass dann heute gewissermaßen schon morgen sein wird. Nein, da gehe ich lieber auf Nummer sicher, denn es gefiele mir ganz und gar nicht, schon am vierten Tag eine Lücke im Projekt 366 entstehen zu lassen.

 

3.1.2016 – Nordic Smiling

Projekt 366 – Nordic SmilingProjekt 366 – Nordic SmilingStefan Anker, Fotograf in Königs Wusterhausen bei Berlin, zeigt Bild 3 seines "Projekt 366": Jeden Tag im Jahr 2016 produziert er ein anspruchsvolles Foto und lädt es auf seine Website hoch. Heute: "Nordic Smiling"

Nach einem Makro und einer (Autobahn)-Landschaft musste heute mal dringend sein, worum es beim Fotografieren eigentlich geht: Menschen. Dieses Bild hier fällt in die Kategorie Minuten-Porträt. Zwischen dem Ansprechen des netten Nordic-Walking-Paares und dem Abschiedsgruß vergingen vielleicht drei, vier Minuten, den Hintergrund hatte ich mir allerdings schon vorher mit ein paar Testaufnahmen zurechtgelegt. Das hilft ungemein, wenn man sich beim Fotografieren selbst nicht mehr um die Unschärfe hinter und vor dem Motiv oder um den grundsätzlichen Bildaufbau kümmern muss, sondern sich ganz auf die Menschen vor der Kamera konzentrieren kann. Zu allem Überfluss war es mit den beiden hier sehr einfach, sie mussten nicht zum Lächeln überredet werden, so habe ich es gern.

Wer solche Bilder auch machen möchte, spürt anfangs vielleicht eine Hemmschwelle, wildfremde Menschen anzusprechen und sie um ein Foto zu bitten. Dieses Gefühl vergeht aber bald, weil ein "Nein" das Schlimmste ist, was passieren kann. Meistens gibt es sowieso ein "Ja", vor allem, wenn man freundlich grüßt, sich vorstellt und seine Bitte kurz erklärt (in dieser Reihenfolge). Außerdem kann man den Menschen anbieten, ihnen ein paar hochaufgelöste Dateien zu schicken. Man muss das dann aber auch wirklich machen, denn wenn man es nicht tut, trifft man die Leute unter Garantie irgendwann wieder. Wie peinlich.

 

2.1.2016 – Fahr'n, fahr'n, fahr'n

Projekt 366 – Wir fahr'n, fahr'n, fahr'nProjekt 366 – Wir fahr'n, fahr'n, fahr'nStefan Anker, Fotograf in Königs Wusterhausen bei Berlin, zeigt Bild 2 seines "Projekt 366": Jeden Tag im Jahr 2016 produziert er ein anspruchsvolles Foto und lädt es auf seine Website hoch. Heute: "Wir fahr'n, fahr'n, fahr'n", eine Aufnahme der Autobahn A10 (Berliner Ring), die die Themen Geschwindigkeit und Symmetrie visualisiert – und einen Eindruck davon gibt, dass der Straßenverkehr von außen betrachtet als unangenehmer und bedrohlicher empfunden werden kann, als er den meisten Menschen hinterm Lenkrad vorkommt.

Manchmal hilft es ja, von außen auf etwas zu blicken. Ich fühle mich als langjähriger Autotester auf deutschen Autobahnen im Grunde wohl. Was wir hier auf dem Bild sehen, interpretiere ich als mäßigen Verkehr – aber nur vom Lenkrad aus betrachtet. Mit der Kamera auf der Brücke bekommt man einen Eindruck davon, was so eine Menge an Autos noch sein kann – laut, schnell, nicht ganz ungefährlich. Als ich gerade einen Monat keinen Führerschein hatte und viel Fahrrad fuhr, habe ich die Masse an Autos auch aus anderem Blickwinkel kennen gelernt, das war ganz interessant. Zwar  will ich mein Auto nicht missen, ich bin gut 30.000 Kilometer im Jahr damit unterwegs, aber es ist okay, nicht immer nur die Fahrersitz-Perspektive einzunehmen. Mein Blick von außen/oben wird hier unterstützt von einer langen Belichtungszeit: Damit das Tempo auch zu erkennen ist, habe ich 1/20 Sekunde gewählt und füge stolz hinzu, dass das ohne Stativ und Bildstabilisator möglich war. Später in der Bearbeitung habe ich Kontraste und Belichtung erhöht, den Wald abgedunkelt, die Farbtemperatur Richtung kühl verschoben und die Farben etwas entsättigt. Es ist ein trüber Tag heute am Berliner Ring, und das darf man auch ein bisschen sehen.

 

1.1.2016 – Wir schaffen das

Projekt 366 – Wir schaffen dasProjekt 366 – Wir schaffen dasStefan Anker, Fotograf in Königs Wusterhausen bei Berlin, zeigt Bild 1 seines "Projekt 366": Jeden Tag im Jahr 2016 produziert er ein anspruchsvolles Foto und lädt es auf seine Website hoch. Heute: "Wir schaffen das" – eine Liste guter Vorsätze zum Neujahrstag 2016, präsentiert als Makroaufnahme.

Hm, ja, also die guten Vorsätze. Wer Punkt 4 nur schwer entziffern kann und mir daher noch zu Punkt 5 raten sollte: "Schärfere Fotos machen", dem möchte ich hier kurz widersprechen. Ein gewisser Schärfeverlauf (man kann auch Unschärfeverlauf sagen) ist bei meinen Fotos erwünscht, solange ich keine Landschaft abbilde. Die interessanten Fragen bei solchen Makroaufnahmen wie hier sind: Auf welchem Punkt muss die exakte Schärfe liegen? Wie weit genau darf die Unschärfe reichen? Wie viel muss der Betrachter mühelos erkennen können?

Ich habe hier in der Tat mit verschiedenen Blendenöffnungen und verschiedenen Abständen zu meinem Terminkalender experimentiert, damit man Punkt 3 auf jeden Fall noch lesen kann, Punkt 4 vielleicht mit etwas mehr Mühe. Warum? Weil es sicher am schwierigsten ist, ein besserer Mensch werden zu wollen – und wenn das sowieso nicht jeder lesen kann, dann darf ich diesen Vorsatz vielleicht als erstes fallen lassen ;-)

In diesem Sinne: Gutes neues Jahr, Glück und Erfolg für alle!

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